Leseprobe 1. Teil

Der schmale Pfad ins Leben

Kurzzusammenfassung
In der malerischen Bergwelt des Berner Oberlandes treffen unerwartet zwei Welten aufeinander: Sue und David. Ihre Lebensentwürfe und -ziele scheinen in nichts übereinzustimmen. Er ist ein Getriebener auf einer rastlosen Suche ohne zu erkennen wonach. Sie ist eine Gelähmte der Angst, dazu verurteilt durch andere Sicherheit zu finden. Trotzdem sind sie voneinander beeindruckt. Reicht das für eine dauerhafte Beziehung?
Als wäre diese Frage nicht schon schwierig genug, hängt ein düsterer Schatten der Vergangenheit über ihm ...

Leseprobe "Der schmale Pfad ins Leben                                          (Bild Lauteraar)

 

Start der Geschichte

  1. Kapitel

Es war ein milder Spätherbsttag im Jahr 1980.
David kam zügig vorwärts. Er war erst spät am Nachmittag im Hotel Grimsel-Hospiz, in der Nähe des Grimselpasses aufgebrochen. Dorthin war er mit seinem Motorrad – einer englischen Maschine, Triumph Bonneville 650 - nach der Arbeit gefahren. Da es schon November war, wusste er, dass er erst kurz vor dem Einbruch der Nacht sein Ziel in der wunderschönen, malerischen SAC-Hütte erreichen würde. Doch er musste sich nicht beeilen. Heute war Vollmond, und das in einer für diese Jahreszeit milden, wunderschönen Nacht. Der Duft des Herbstes durchströmte die Gebirgslandschaft auf zweitausend Meter Höhe über Meer. Es war ein Gemisch aus Moder, Erde, Herbstkälte und Bergwelt. Das Gras leuchtete golden-gelb, die Blätter der verblühten Heidegewächse und Sträucher dunkelrot. Das Hochmoor mit seiner endemischen Pflanzenwelt lag im herbstlichen Glanz in den weiten Teilen des Weges vor ihm. Es war offensichtlich: Alles war bereit für den ersten Schnee und die baldige Zeit des winterlichen Schlafes.
David liebte diese Gegend und kannte sie wie seine Hosentaschen. Hier fühlte er sich völlig frei und unbeschwert glücklich. Schon bald würde er am Ziel sein.  Dies ließ ihn innerlich jauchzen. Er erwartete, dass er die Nacht allein in der Unterkunft verbringen würde. Genau das war es, was ihn reizte! Er hatte konkrete Pläne und Vorstellungen für die nächsten drei Tage und freute sich auf die Einsamkeit, Ruhe und die atemberaubende Landschaft, die ihn in dieser Zeit umgeben würde. Er wusste, dass ihm abenteuerreiche, strenge Tage bevorstanden, aber er erwartete daraus einen reichen Lohn. Sein Rucksack war wie immer jetzt schon recht schwer. Doch das Gewicht  kümmerte ihn wenig. Er war es sich gewohnt zu Fuß schwere, unförmige Lasten zu tragen. Das einzige, was an ihm nagte, war der Hunger. Er hatte heute den ganzen Tag auf dem Bau gearbeitet. Er war von Beruf Zimmermann und war ohne groß zu essen aufgebrochen. Aber auch das warf ihn nicht aus der Bahn. Auf seinen unzähligen, wilden Touren durch die Berge konnte er seine Kräfte gut einteilen und war damit vertraut, längere Strecken ohne viel Nahrung zu bewältigen. Am Ziel angekommen, würde er gemütlich kochen und das war schon bald! Er war vor ein paar Monaten zweiundzwanzig Jahre alt geworden.
Seine Statur war mittelgroß, athletisch und schlank. Anhand seiner starken Muskeln konnte jedermann erkennen, dass er über Kraft und Ausdauer verfügte. Er hatte kastanienbraunes, kurz geschnittenes, lockiges Haar, markante blaugrauen Augen und stets ein braungebranntes, Wetter gegerbtes Gesicht. Er bewegte sich leichtfüßig und sein Tempo war überdurchschnittlich schnell. Er war nicht ein Mann der vielen Worte. Aber das brauchte er nicht zu sein. Am liebsten war er allein unterwegs und zwar in den Bergen oder mit seinem Motorrad, das ihn zum Ausgangspunkt seiner Abenteuer führte. Keiner seiner Kollegen teilte mit ihm das zweite Hobby für eine solch rassige Maschine, aber auch das spielte ihm keine Rolle. Bergsteigen und eine Motorradtour schienen sich noch nicht zu vereinen. Diese Leidenschaften waren Davids unverkennbaren Markzeichen, die hervorragend zu seiner Aussenseiterrolle passten. Mehr durch Zufall stieß er auf die Maschine und konnte sie günstig erwerben. Seither war das Autofahren nur noch Mittel zum Zweck, zum Beispiel auf der Arbeit. Sein schnelles Outfit war bald schon überall bekannt: Motorrad, Bergschuhe, Helm und das gepaart mit dem schweren Rucksack. Sah man so etwas durch die Gegend flitzen, dann war es eindeutig der spezielle Luzerner aus dem Haslital!

 

David hatte längst die wunderschönen Granitfluchten und den einzigartigen Föhrenwald auf über zweitausend Meter Höhe über Meer hinter sich gelassen. Auch die Überquerung des Blockgletschers gehörte bereits Vergangenheit. Er befand sich nur noch wenige Minuten von der Hütte des Schweizer Alpen Clubs entfernt.

 

Der Weg schlängelte sich zwischen Felsbrocken und -platten hindurch an einem kleinen, malerischen Bergsee vorbei. David schritt rechts um einen mannshohen Granitfelsturm. Dieser stand da wie zum strammen Wachsoldaten erstarrt, der die Gegend stets wohlwollend behütete.
Ja, und da waren sie! David hielt in seinen Schritten inne und genoss den besonderen Anblick, der sich nur wenige Meter von ihm entfernt anbot: Er zählte vier, fünf, nein sogar zehn, graziöse Gämsen vor sich. Misstrauisch beäugte ihn der Wächter der Gruppe und hob den Kopf an. Er beobachtete jede Bewegung des menschlichen Eindringlings. Bei der geringsten Gefahr würde er seinen speziellen, schrillen, pfeiftonähnlichen Warnschrei ausstoßen und damit die Herde zum Rückzug bewegen. Würdig streckte er das kurz geschwungene Horn in die Höhe und stand nur bewegungslos da. Er maß David mit seinen Blicken. Die weiße Färbung im Gesicht neben dem dunkeln Fell des Körpers verlieh ihm etwas Unwirkliches, Archaisches. Das gab dem herrlichen Bild eine ganz besondere, geheimnisvolle Note.
David ließ sich langsam auf den Boden gleiten und beobachtete das Naturschauspiel fast andächtig. Es verstrichen einige, verzauberte Momente der Idylle und des Friedens. Das Steinwild war von seiner Anwesenheit noch immer verunsichert, dennoch dachten die sonst absolut menschenscheuen Fluchttiere nicht daran, ihr Revier preis zu geben. Sie bekamen hier vom Hüttenwart täglich <Gleck
> – Salz. So begaben sie sich jeden Abend hierher und nahmen die wertvollen Mineralien in sich auf. Sicher war der Hüttenwart erst kürzlich noch ein letztes Mal da gewesen. Aus diesem Grund waren die Tiere noch anwesend und genossen die letzte Möglichkeit vor dem Winter zu ihrem Gourmetmahl zu gelangen.

 

Entspannt nahm David die Schönheit des Augenblicks in sich auf. In der schnell voranschreitenden Dämmerung konnte er noch einiges von der Umgebung wahrnehmen. Nichts als pure Natur lag um ihn herum. Es war für ihn ein Heimkommen. Hier fühlte er sich geborgen und durchflutet von grenzenloser Lebensenergie.
Ein unerwartetes Geräusch ließ ihn leicht zusammen zucken und aufmerksam  alles um ihn herum erforschen. Er lauschte konzentriert. Das waren nicht die Gämsen gewesen! Etwa zwanzig Meter vor ihm erhob sich etwas zwischen den Steinen: Es war ein Mensch!
David nahm dies völlig erstaunt zur Kenntnis. Er war also nicht allein hier! Seine ganze Freude löste sich in Sekunden auf und etwas wie Ärger wollte sich in ihm ausbreiten. Wie war das möglich? Um diese Jahreszeit war sonst nie jemand hier.
Doch dann verstand er endlich: Es war ein milder, wunderschöner Herbst! Warum sollten nicht andere das genießen, was er so liebte? Nun, ob er wollte oder nicht, er musste sich wohl oder übel mit dieser Situation anfreunden.
<Komisch>, dachte er, <die SAC-Hütte liegt vollkommen im Dunkeln! Kein Rauch ist riech- oder sichtbar. Auch die Schweizer Flagge weht nicht hoch oben am Fahnenmasten.> Dies war immer ein sichtbares Zeichen, welches jeder Bergsteiger anbrachte, wenn er in einer Hütte ankam, um anderen zu signalisieren, dass die Hütte jetzt belebt war. Die Flagge war nämlich weitum in der Gegend sichtbar.

 

Kurz überlegte er sich, ob er sich einfach davonschleichen sollte. Denn offensichtlich  hatte die andere Person ihn nicht bemerkt. Er könnte irgendwo unter einem Felsen schlafen. Das wäre sogar sehr schön in dieser milden Nacht. Doch der knurrende Magen  erinnerte ihn, dass er ein herzhaftes Mahl verdient hatte und Holz hatte er keines bei sich. Also gab es nur die Hütte. Nur dort war ein warmes Essen möglich, und das brauchte er für seine bevorstehende Unternehmung morgen!
Offensichtlich hatte die andere Person die Gämsen beobachtet und dabei die Zeit vergessen. Denn warum sonst war es überall dunkel? War sie allein hier? Erst jetzt bemerkte er, dass beim davon schreitenden Menschen ein langer Pferdeschwanz hin und her pendelte: <Kann es möglicherweise eine Frau sein?> Wenn er sich jetzt erhob und normalen Schrittes vorwärts marschierte, würde er ihr sicher einen gehörigen Schrecken einjagen. Seine Schritte wären in der Stille weitum hörbar. Wie sollte er sich also sinnvoll bemerkbar machen?
Mit seinem Zögern hatte die Frau bereits das Toillettenhäuschen hinter sich gelassen und somit in greifbarer Nähe der Haustür erreicht. Er ließ sie hineingehen und erwartete, dass das Licht sogleich hell aufleuchten würde. In der Zwischenzeit hatte die Nacht jegliche Dämmerung verdrängt. Der Mond stand noch nicht am Himmel. David wartete. Nichts geschah. Was sollte er tun? Nun, ein Geist war es nicht gewesen, davon war David überzeugt. Er war ein nüchterner Mensch und glaubte nicht an solche Dinge. Er stand absolut mit beiden Beinen auf dem Boden. Die Natur war ihm vertraut. Er liebte es zu jeder Tageszeit allein unterwegs zu sein. Sicher erschrak jedermann, wenn unerwartet jemand vor ihm im Dunkeln auftauchte. Doch im Großen und Ganzen empfand er solche Momente als besondere Erfahrung und Stärkung der Psyche, die das Gefühl für die Elemente nur noch vertiefte. Solche Gegebenheiten machten ihm nur deutlich bewusst, wie klein, verletzlich und ängstlich der Mensch eigentlich im Grund ist. Er kannte den gesunden Respekt vor Herausforderungen, aber keine Angst. Die Einsamkeit vermittelte ihm vielmehr Ruhe und Trost.
Obwohl die Nacht mild war, fröstelte David jetzt. Seine Kleider waren vom Schwitzen durchtränkt. Das lange Innehalte hatte seinen Preis gefordert. Er musste entweder in die Wärme oder eine Jacke überziehen. Er entschied sich für das Erste.

 

 

 

2. Kapitel

 

So erhob er sich zielstrebig, ging zur Hütte und klopfte an. Nichts ereignete sich. Er nahm den Rucksack von den Schultern und stellte ihn auf die Steinbank vor der Unterkunft. In der oberen Tasche befand sich seine Stirnlampe. Er zündete sie an. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Helligkeit. Er klopfte abermals an und meldete sich mit einem lauten: „Hallo!“
Als er noch immer keine Antwort erhielt, öffnete er Schultern zuckend die Tür. Das Licht richtete er rücksichtsvoll nach unten. Er wollte die Person nicht erschrecken. Dennoch war er nun wirklich neugierig und wollte endlich wissen, was hier los war. Interessiert schaute er ins Innere. Es bot sich ihm ein spezielles Bild: Eineinhalb Meter vor ihm stand eine junge, schwarzhaarige, Frau, gewiss etwas jünger als zwanzig. Offenes, langes Haar umschmeichelte ihr hübsches Gesicht. Unverkennbar waren sogar im dämmrigen Licht ihre großen, rehartigen, dunklen Augen, die umkränzt waren mit fein geschwungenen, schwarzen Wimpern. Sie war bewaffnet mit einem Holzscheit und offensichtlich bereit dieses bei der geringsten Notwendigkeit entschlossen gegen ihn zu schleudern. Die Furcht war ihr ins Gesicht geschrieben. Sie war mittelgroß und schlank. Noch immer trug sie eine rote Jacke, die sie wohl vorher draußen als Schutz vor der Kälte umgelegt hatte, blaue Jeans und steckte noch in den Wanderschuhen.
Diese Szene wirkte auf David eher belustigend. Mit seiner weichen Stimme stellte er sanft, beruhigend und freundlich fest: «Guten Abend! Also die Hüttenwartin bist du nicht. Die empfängt mich jeweils zwar auch mit handfesten Dingen: aber eher mit Gulasch und Kartoffelstock oder so … Und genau das, könnte ich jetzt vertragen!»
Die Frau zitterte. Zaghaft senkte sie den erhobenen Arm.
Sie war beim Anklopfen furchtbar erschrocken. Solange sie dachte, sie sei allein, konnte sie mit ihren Ängsten vor der Nacht gut haushalten. Aber als sie dann dieses unerwartete Geräusch hörte, raste ihr Herz, und sie meinte vor Furcht sterben zu müssen – und das schon das zweite Mal heute. Doch der durchaus sympathische Mann vor ihr, sah weder wie ein Dieb, noch wie ein Meuchelmörder oder wie sonst ein Krimineller aus.
Anfänglich hatte sie noch gehofft, dass ihre Kameraden zurückgekommen waren, um sie zu holen. In Gedanken wollte sie schon alles inszenieren, um die beleidigte Leberwurst zu spielen. Aber als sie die fremde Stimme hörte, war es aus mit ihrer Ruhe. In einem Sekundenbruchteil ging die Fantasie mit ihr durch. Sie stellte sich vor, was jetzt alles geschehen könnte. Sie hätte den heutigen Tag verfluchen können! Es war so ziemlich alles schief gelaufen! Sie bemitleidete sich zutiefst. Dann fielen ihr dennoch die schönen Erlebnisse in der Bergwelt ein, und sie musste sich eingestehen: Es war herrlich gewesen!  Erst bei den Leitern unten hat ihr Unglück begonnen!
In der Zwischenzeit waren bereits einige, bange Sekunden verstrichen. Sie konnte schon wieder klarer denken. Die Angst war verschwunden und sie überlegte sachlich: <Wer war hier in dieser Abgeschiedenheit nachts allein unterwegs? Sicher niemand, der einsame Frauen sucht, um sie zu misshandeln. Dies wäre wirklich einfacher irgendwo im Tal! Wer wäre schon bereit,  zuerst vier Stunden zu Fuß durch eine menschenarme Einöde zu marschieren, wenn es beinahe aussichtslos war, dort ein potentielles Opfer anzutreffen? Meine Hirngespinste sind einfach absurd!>
Sie fühlte sich völlig neben den Schuhen. Wie oft hatte sie sich heute schon kindisch benommen und sich dabei den Weg für schöne Erlebnisse versperrt? Am Ende hatte sie genau das in diese befremdliche Situation gebracht, in der sie gerade steckte. Es lag bei ihr, nun das Beste aus dem Rest des Tages herauszuholen. Schliesslich hatte am Ende ihre Dummheit dafür gesorgt, dass sie mutterseelen allein den Weg von den Leitern zur Unterkunft suchen musste und sich auch noch mit dem völlig unbekannten Hüttenleben anzufreunden hatte. Im Prinzip fand sie es gar nicht so übel, zu zweit zu sein. In dieser Hütte knisterte und knarrte es andauernd. Genau das führte sie zu solch wirren Gedanken. Es war unheimlich gewesen! Schliesslich hatte sie sich noch nie allein so weit weg von der Zivilisation befunden, geschweige denn nachts. Nicht einmal die von Bea geliehene Taschenlampe traute sie sich einzuschalten!
Bei den Gämsen hatte sie sich zwar wohl gefühlt – wenigstens nicht so allein - aber ewig war es ihr nicht möglich gewesen, dort zu verweilen. Dazu musste sie sich eingestehen, dass sie sich in einer misslichen Lage befand, bevor der Fremde gekommen war: Bei Tageslicht war alles romantisch und toll! Selbstzufriedenheit hatte sie erfüllt, weil sie problemlos in die Herberge zurückgefunden hatte. Mit der Zeit  kamen Zweifel, denn sie hatte keine Ahnung, welche Spielregeln hier galten. Alles war auf den kommenden Winter umgestellt. Nirgends gab es Anleitungen wie man den Holzofen benutzte oder wie man die Petrollampen entfachte. Sie hatte von solchen Dingen nicht die leiseste Ahnung. Dazu besass sie keine Streichhölzer. Doch als sie das erst einmal erkannt hatte, war es viel zu spät, um noch allein zum Grimsel-Hospiz zurückzukehren. Sie hatte sich deshalb wohl oder übel dazu entschlossen, in der Hütte auszuharren. Zu ihrer Unfähigkeit konnte sie jedoch vor dem Fremden unmöglich stehen. Sie fühlte sich lächerlich und war entschlossen, ihm nichts von ihren Missgeschicken zu erzählen. Grimmig dachte sie: <Ein zweites Mal blamiere ich mich nicht vor ihm!> Nun musterte sie das Gegenüber ausführlicher und fand damit innere Gelassenheit: Er wirkte echt nett. Zwar trug er verschlissene, alte Kleider. Das war selbst im schlechten Licht gut zu erkennen. Doch irgendwie passten sie zu ihm wie eine zweite Haut. Offensichtlich war der Rucksack, den er trug noch schwerer als der von Ruedi. Denn als er ihn zu Boden gleiten ließ, schlug er sehr schwer auf. Ja, Metall klimperte darin in verschiedenen Tonlagen.
Endlich fand sie ihre Sprache wieder: «Hallo! Du hast mich mächtig erschreckt! Ich habe nicht erwartet, dass noch jemand kommt. Ehm, sorry für das da.» Sie zeigte mit einem entwaffnenden Lächeln auf das Holzstück. Ihre Stimme klang noch etwas schrill. «Aber man weiß ja nicht, wer da so daher kommt!» Ihr Gesicht entspannte sich, und sie schenkte David ihr schönstes Lächeln.
Aus unerklärlichen Gründen veränderte sich für David in diesem Augenblick etwas. Er verstand das nicht und wandte sich in der Verlegenheit wortlos der Arbeit zu, die notwendig war, um endlich etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Trotz ihrer wenigen Worte hatte David bereits festgestellt, woher sie in etwa kam. Ihr urchiger Innerschweizer Dialekt hatte ihm gezeigt, dass sie von Obwalden stammen musste. Er stand vor dem Herd und wandte ihr den Rücken zu: «Warum hast du weder Feuer noch Licht gemacht?» Mehr zu sich selber bemerkte er. «Nicht einmal die Späne zum Einheizen sind vorbereitet …» «Ich genoss einfach die Ruhe und fand die Dunkelheit angenehm. Vielleicht hätte ich überhaupt kein Feuer gemacht.» Entsprach das nicht  sogar ein klein wenig der Wahrheit? Obwohl der Grund daher rührte, dass sie nicht wusste, wie das überhaupt funktionierte.
«… Und etwas Warmes wolltest du nicht essen?»
«Ich habe keinen Hunger.»
 «So.», meinte er nur. Irgendwie erschien ihm alles seltsam. Wer in diese Hütte marschierte, hatte ganz bestimmt Hunger. Es war zu weit. Sie war nicht glaubwürdig. Aber egal, es ging ihn nichts an! Zielsicher griff er über den alten Holzherd hinweg auf ein dort angebrachtes Gestell. In seinen Händen tauchten sofort Streichhölzer auf. Zuerst entzündete er gekonnt die Petrolllampe über dem Küchentisch. Das warme Licht erhellte die Küche heimelig. Geschickt nahm er ein Holzscheit und fertigte mit dem Beil neben dem Herd kleine Holzspriessen an. Verstohlen beobachtete sie jede seiner Handbewegungen. Er hatte keine Eile und bereitete alles fachgerecht zu. Es war sichtbar: Er war sich dieses Handwerk gewohnt! Sie fühlte sich noch ungeschickter, noch naiver. Er wirkte so sicher, so strotzend vor Kraft und Selbstvertrauen und schien eins zu sein mit dieser für sie so fremden Welt!
Zugegeben, nachdem die Furcht sie verlassen hatte, verfolgte sie ihn mit etwas zu großer Aufmerksamkeit. Seine braunen, gelockten Haare waren ein reizender Kontrast zu den blaugrauen Augen. David arbeitete schweigend und sie tat nichts, um das zu stören. Die Stille war nicht unangenehm. Bald schon knisterte ein kleines Feuer. Es wurde angenehm warm.
«Willst du wirklich fasten?», fragte er mehr aus Höflichkeit. «Ich bereite nichts Besonderes zu. Wenn du willst, kannst du etwas davon haben.» Ohne ihre Antwort abzuwarten, setzte er kaltes Wasser auf und warf sogleich Teigwaren hinein und in eine zweite Pfanne leerte er aus einem Beutel eine Sauce, die er ebenfalls mit Flüssigkeit ergänzte.
«Du kochst lustig.»
«Warum?»
«Zuerst muss das Wasser heiß sein, bevor man die Teigwaren hineinwirft.»
«Hm.»
«Ich habe noch eine Wurst oben im Schlafraum. Soll ich sie holen.»
«Okay!»

 

Später suchte sie Teller und deckte den Tisch. David schwieg weiterhin. Dabei beobachtete sie, wie er die Pasta und die Sauce mit der in kleine Stücke geschnittenen Wurst umrührte. Er hatte recht raue Hände mit tiefen Schwielen. Er war sich offensichtlich gewohnt, körperlich zu arbeiten.
«Mhm, ist nichts für Feinschmecker! Aber besser, als im Dunkeln den Hungertod zu sterben!», meinte er plötzlich spöttisch.
Sie ignorierte seinen Unterton: «Ich bin Sue. Eigentlich heiße ich Susanne. Aber alle nennen mich nur Sue.» Er drehte sich nun erstmals zu ihr um, und blickte ihr direkt in die Augen: «Ich bin David.»
Das Licht der Petrollampe, das Knistern des Feuers, die ganze Umgebung tauchte die Hütte in eine seltsam unwirkliche Atmosphäre. Oder waren es nur seine Augen? Ihr lächelndes Gesicht?

 

 

Was geschieht in den nächsten Stunden … allein zu zweit in einer abgelegenen Hütte? Wenn Sie es wissen möchten, müssen Sie in meinem Buch weiter lesenJ!

 

 

 

Aus dem dritten Teil des Buches: Etwas Bewegendes! 

 

…Das Leben ist manchmal grausam und nimmt keine Rücksicht auf ungelöste Belastungen: Kurz nach dem Ende des dritten Monats ihrer Schwangerschaft verlor Sue das von David scheinbar ungewollte Kind. Tiefste Traurigkeit umfing sie. Ihr fröhliches Wesen wurde beschwert von unermesslichem Schmerz. Sie weinte oft stundenlang, bis sich die Tränen in ein Wimmern ihrerseits auflösten und sie sich dazu in gleichmässigem Rhythmus selber in die Ruhe wiegte. Sie sprach kaum, zog sich zurück. An ihrer Arbeitsstelle funktionierte sie zwar und erfüllte die geforderten Pflichten normal. Zu Hause hingegen fühlte sie sich kraftlos, liess die Alltagspflichten sausen. Alles war farb- und sinnlos! Sie übte keinen Sport mehr aus, war antriebslos. Mit ihren Freundinnen verbrachte sie keine Zeit und spies sie mit Ausreden ab. Eine seltsame Dumpfheit umfing sie, ja, eine unbeschreibliche Leere. Sie war in einem fremden, finsteren, schmerzhaften Raum und gleichwohl fühlte sie sich dort irgendwie sicher. Wenn es noch so in der Seele brannte, so fiel sie nie ins unermesslich Bodenlose. In dieser Leere war ein Ort, ein zeitloser Ort der Ankunft, des gehalten Seins. Es war als würde dieser Raum jede ihrer geweinten Tränen auffangen und Nähe zu dem nie geborenen Kind herstellen. Sie musste dort verweilen, Abschied nehmen! Das Baby immer wieder empfangen, um fähig zu werden, es endgültig loszulassen. Die Dunkelheit war mit der Zeit zwar immer noch düster, schwer, aber nicht mehr ganz so schwarz. Sie bekam verschiedene, hellere Schatten, einzelne Punkte und Linien. Nie hätte sie dies jemandem erklären können oder wollen, ausser vielleicht David … Aber sie fand die Kraft nicht, es ihm mitzuteilen.

 

 

… und David? Er schaffte es nicht, ihr entgegenzukommen, ihr seine Nähe zu schenken. Im Gegenteil, er zog sich noch mehr zurück und lebte in seiner eigenen, einsamen Welt und fühlte sich als Versager. Er konnte ihr sein Erleben nicht erklären, noch immer nicht. Doch er litt unter ihrer Distanz, ihrer fehlenden Zärtlichkeit, vermisste ihr herzliches Lachen und zerbrach fast an den äußeren Anzeichen ihres gequälten Schmerzes und fühlte sich dafür verantwortlich.

 

 

 

Irgendwann nach Wochen in dieser belastenden Zeit notierte Sue ins Tagebuch:

 

 

 

Mittwoch, 08.10.1987

 

Mein kleiner Schatz!

 

Der Sommer ist zu Ende. Die Blätter verfärben sich und alles wird bunt und wirkt sanft in den Tönen des Herbstes, selbst mein Schmerz. Die Farben verwöhnen die Seele und trotzdem zieht es unangenehm in der Bauchgegend, denn es heisst, bald wird es draussen eintönig, farblos sein. Es heisst: Abschied nehmen vom Bekannten und sich öffnen für das Nächste. Denn der Winter ist nahe. Dann wird alles schlafen unter der weissen Decke aus Schnee.

 

Leider hast du nie gelernt, wie unsere Welt funktioniert. Du hast nie erlebt, wie die wärmenden Sonnenstrahlen die Haut und das Herz erquicken. Du hast mir nie dein inniges Lächeln geschenkt. Ich habe dich nie im Arm gehalten und getröstet. Ich habe nie in deine Augen geschaut. Dennoch kenne ich dich jetzt mit meinem Herzen, meinen inneren Augen und meine Seel haben dich gefunden! Ich liebe dich! Ich habe dich vom ersten Moment an geliebt, als ich wusste, dass du in mir lebst. Danke, dass du für kurze Zeit bei mir warst. Doch wir beide leben in zwei verschiedenen Welten. Eine zu weite Distanz trennt uns – Himmel und Erde. Denn dort bist du! Sicher und behütet bei unserem Schöpfer! Du bist dort angekommen, zu Hause und hast Raum und Zeit überwunden! Bitte verstehe mich und sei nicht traurig! – Jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem ich mich von dir verabschiede.

 

Ich muss in mein altes Leben zurückkehren. Sonst verliere ich den Boden unter den Füssen und auch David. Dein Vater hat mir furchtbar wehgetan! Ich kann vieles noch nicht einordnen von dem, was sich ereignet hat. Aber er ist ein guter Mensch! Oft ist er hilflos und unfähig sich mitzuteilen. Gerade in solchen Momenten verletzt er mich häufig abgrundtief. Er befindet sich dann in einem mir unbekannten Raum – scheint unerreichbar zu sein. Ich hoffe, dass ich irgendwann verstehen werde, warum er keinen Platz für dich im Herzen hatte! Trotzdem liebe ich ihn! Dazu glaube ich felsenfest, dass wir zusammengehören. Selbst wenn ich noch nicht weiss, wie es anzupacken ist!

 

Leb wohl in deiner Welt, die ich nicht kenne, und die wir „Himmel“ nennen.

 

 

 

                                                                                  Dein Mami